Integration ist Regeneration: Über mich und den Nationalsozialismus
Wir haben September 2026.
Eine deutsche Vergangenheit betritt die Gegenwart. Vor ein paar Tagen bekam die AfD in Sachsen-Anhalt 43,8% der Stimmen. Volkswagen streicht gleichzeitig 50.000 Stellen und überführt sein Werk in Osnabrück unter einem externen Investor in einen Rüstungsstandort. In Kooperation mit einem israelischen Rüstungskonzern. Während der israelische Minister für Nationale Sicherheit sich im August für die gezielte Tötung von 30-40 Menschen pro Nacht im Gazastreifen aussprach und in diesem Krieg bisher über 20.000 Kinder getötet wurden. Derweil gratuliert Elon Musk der AfD, plant mit über 100 Milliarden Dollar einen Weltraumbahnhof in einem Naturschutzgebiet und mit nochmals 100 Millionen die Wiederwahl der Republikaner zu unterstützen. Während im Landtag in Sachsen-Anhalt Politiker:innen daran arbeiten, Inklusion als “gescheitertes Experiment" an Schulen abzuschaffen.
Der Zug fährt. Unermüdlich. Mit uns allen. Gegen die Wand.
Manche demonstrieren, manche werden auf Social Media laut, manche wagen es sogar von diesem Zug abzuspringen und sich davorzustellen.
Die meisten aber bleiben sitzen. Schweigend. Total ausgelaugt vom Alltag. Teilnahmslos. Überfordert. Orientierungslos. Besorgt. Ängstlich. Verzweifelt. Wütend. Gleichgültig.
Wir alle wollen Frieden.
Wir alle wollen Sicherheit.
Wir alle wollen ein gutes Leben.
Wir alle wollen eine lebenswerte Zukunft für unsere Kinder.
Oder nicht?
Ich möchte das. Für mich, für meine Familie, für meine Kinder.
Und in mir wird es laut: What the fuck! Jetzt sitzen wir hier in all dem Chaos.
Wir alle. Jeder einzelne Mensch. Auch die Superreichen. Denn ein Leben in einem Bunker in Neuseeland ist kein lebenswertes Leben. Und dann kommt diese Frage. Bei manchen laut, bei manchen leise, bei manchen tief vergraben im Stress des Alltags. Mich schreit sie an: Was kann ich tun? Kann ich überhaupt etwas tun? Oder sind wir den Reichen und den Mächtigen und den Gewalttätigen und den Arroganten und den Ignoranten ausgeliefert?
Es fühlt sich so an. Jedes Mal, wenn wieder einer dieser Menschen über alles hinweg wischt, was menschlich, ökologisch und zukunftsfähig ist. Wenn all das Grässliche, egal ob sichtbar oder unsichtbar, ohne Konsequenzen bleibt. Stattdessen werden damit Erfolge auf Giga-Yachten gefeiert, die unsere Vorstellungskraft sprengen. Und ein amerikanischer Präsident verspricht für den Erfolg der Republikaner seinen Bürgern die Auszahlung einer “Dividende”.
Dennoch haben wir alle die Macht, eine andere Wirklichkeit zu erschaffen. Wir haben die Macht, diesen Zug zu verlassen. Wir haben die Macht, diesen Zug umzulenken. Wir haben die Macht, diesen Zug zu stoppen.
Wir haben diese Macht!
Denn wir haben all das, was unsere Wirklichkeit gerade ausmacht, selbst erschaffen. Als Menschheit. Gemeinsam. Führt euch einen Moment vor Augen, welche Kraft darin steckt!
Und genau diese Macht und diese Kraft befähigt uns, eine andere Wirklichkeit zu erschaffen. Wir sind keine Opfer. Wir sind nicht ausgeliefert. Wir können gestalten und aktiv an einer Zukunft arbeiten, die glitzert und nicht quält. Gemeinsam.
Aufhören und Anfangen. Das ist es, was wir tun können.
Sofort. Mit dem einen aufhören und dem anderen anfangen.
“Mit was denn genau?” fragst du jetzt. “Mit dem, was uns gerade am lautesten anbrüllt", ist meine Antwort.
Jetzt gerade, im September, in Deutschland.
Für mich sind das die 43,8%.
Wir können aufhören unsere deutsche Vergangenheit wegzudrücken, denn sie ist wieder aufgetaucht. In unserem eigenen Land. Sie schreit uns an, lacht uns aus, erzählt wieder die selben Geschichten, benutzt die selben Mechanismen, nutzt die Sorgen und Ängste und liefert dafür Schuldige.
Die deutsche Geschichte will gesehen werden.
Sie wird im Heute nur leiser werden, wenn wir uns der Vergangenheit zuwenden. Und wir können das. Wir brauchen dafür niemanden, der sie erlebt hat. Das ist keine gültige Ausrede. Diese Geschichte wirkt über Generationen. In deutschen Familien, in deutschen Unternehmen, in der Art, wie wir heute über Macht und Schuld sprechen. Auch wenn wir sie nicht selbst erlebt haben, wissen wir genau wie es sich anfühlt. Denn wir fühlen es.
Ich fühle es.
Wenn ich sie lese, diese Zahl: 43,8 %. Die Geschichte ist wieder da.
Die einen feiern und gratulieren. Nicht nur in Deutschland. International.
Die anderen erstarren. Scham taucht auf. Sorge. Angst. Wut.
Und genau jetzt können wir anfangen uns all dem zuzuwenden.
Wir können anfangen hinzuschauen. Anfangen zu integrieren. Anfangen zu fühlen.
Ich schaue hin.
Mein Urgroßonkel Fritz Walther hat die Firma Carl Walther groß gemacht. Er war ein unfassbarer Visionär. Ein unfassbarer Unternehmer. Ein unfassbarer Techniker. Ein unfassbarer Vertriebler. Er hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland ein Unternehmen mit 2.000 Beschäftigten aufgebaut. Er hat den Niedergang verkraftet und mit Nichts wieder von vorn angefangen. Und es wieder zum Erfolg geführt.
Er ist 1931 in die NSDAP eingetreten. Bevor Hitler an der Macht war.
Er hat sich an den Ausschreibungen der Wehrmacht beteiligt und diese für die Pistole gewonnen.
Er hat in den Walther Werken 580.000 Waffen für den 2. Weltkrieg gefertigt.
Er hat Zwangsarbeiter aus dem KZ Neuengamme beschäftigt.
Ich fühle.
Da ist ganz viel Scham. Ganz viel Schwarz. Ganz viel Schuld. Diese Geschichte, tief verankert in meiner Familie, beschäftigt mich heute mehr denn je. Weil ich ihr wieder begegne in meiner Selbstständigkeit. In meinem Kleinwerden, wenn ich versuche meine eigenen Produkte zu vertreiben. Sie stehen für eine lebenswerte Zukunft und doch schäme ich mich. Wenn ich über das spreche was ich erschaffen habe, werde ich nicht groß und stolz. Ich werde klein, möchte mich verstecken, werde unsicher und wortlos. Vertrieb ist für mich ein zutiefst schmutziges Geschäft. Nicht, weil es das im Jetzt und Heute ist. Weil ich es in meinem tiefsten Inneren so empfinde. Weil der Vertrieb von Waffen an die NSDAP ein zutiefst schmutziges Geschäft war. Und ich mich dafür schäme, lange Zeit unbewusst, jetzt bewusst. Wir haben das getan. Als Familienunternehmen. Sehr erfolgreich Waffen an Hitler verkauft. Profit erwirtschaftet mit dem Krieg und Zwangsarbeitern aus einem deutschen Konzentrationslager. Fritz hat die Entscheidungen getroffen. Wir haben das getan.
Kommend aus dieser Scham bekommt die Rettung von 1.400 Arbeitsplätzen in Osnabrück im Jahre 2026 einen traurigen Beigeschmack. Ich selbst habe lange Jahre in diesem Konzern gearbeitet. Ich wünsche mit für all diese Menschen ein gutes Leben. Doch der Preis dafür schmerzt. Denn es bedeutet die Herstellung von Rüstungsgütern für ein israelisches Rüstungsunternehmen auf deutschem Boden. Und dieser Krieg Israels ist mit so viel Rechtsextremismus durchsetzt, dass mir die Parallelität zu unserer Waffenproduktion im 2. Weltkrieg viel zu laut ist.
Gleichzeitig kann ich immer mehr die andere Seite von Fritz Walther und seinem Unternehmen sehen.
Die Visionskraft hinter der Walther PPK, die es bis zu James Bond geschafft hat. Die unternehmerische Weitsicht und den Mut eine Diversifizierung in Rechenmaschinen erfolgreich umzusetzen. Diese unerschütterliche Begeisterung für ein Produkt und die daraus resultierende Vertriebsstärke.
Die Waffen der Firma Carl Walther sind bis heute eine bekannte Größe. Die Walther Büromaschinen-GmbH war unter meinem Urgroßvater und meinem Opa über Jahrzehnte einer der bedeutendsten Arbeitgeber meiner Heimatregion.
Da ist dieses kleine Licht, das mich mit Stolz erfüllt.
Es strahlt den Schatten an, aber es lässt ihn nicht die Oberhand gewinnen. Denn neben dem Schatten darf Licht entstehen. Eine Balance. Regeneration. Deshalb schaue ich hin. Immer wieder. Es begann alles mit einem Satz, der so nie geplant war. Und seitdem nimmt es seinen Lauf. Ich grabe mich ein in meinen Teil der NS-Geschichte. Ich lese. Ich fühle. Ich weine. Ich erstarre. Und ganz langsam beginne ich zu verstehen und zu integrieren. Das ist Teil meiner Geschichte, das ist ein Teil von mir. Und ich kann damit eine andere Geschichte schreiben. Ich kann das NSDAP-Mitglied sehen und mich schämen. Ich kann den Unternehmer sehen und mich davon inspirieren lassen. Ich kann beides gleichzeitig sein. Ein Teil der schwarzen Vergangenheit dieses Landes und eine Gestalterin einer bunten, glitzernden Zukunft.
Und das heißt NICHT, dass wir uns mit den 43,8% und den dahinter stehenden Programmen versöhnen sollen. Sie integrieren sollen. Nein. “Nie wieder ist Jetzt!” Darum geht es. Es geht um die Integration der Vergangenheit, um die Fähigkeit uns als Demokrat:in ohne Angst und ohne Wut fragen zu können: “Was können wir von dieser Wahl und dem dahinter stehenden Wahlkampf lernen?” Denn diese Partei hat etwas krasses geschafft. Menschen zu vereinen, Wahlbeteiligung zu steigern, das Gefühl von Zugehörigkeit zu erzeugen. Und sollte es jetzt nicht das Ziel aller demokratischen Parteien und Wähler:innen sein dieses Wissen zu nutzen und es noch besser zu machen? Und genau dafür braucht es uns alle.
Wir alle können aufhören und anfangen. Noch heute.
Wir können aufhören wegzuschauen und anfangen hinzuschauen.
Wir können aufhören nur zu denken und anfangen, wieder mehr zu fühlen.
Wir können aufhören, das Gegeneinander zu leben und anfangen, das Miteinander zu genießen.
Wir können aufhören, das Heute als einzige Option zu verstehen und anfangen, ein neues System zu gestalten.
Wir können anfangen zu regenerieren.
Denn eine lebenswerte Zukunft entsteht durch eine Geschichte, die besser ist als alles, was uns Extremismus und Gigaismus jemals bieten können. Sie handelt von Menschlichkeit, Verbundenheit, Frieden, Sicherheit, Wohlstand, Gemeinschaft, Güte, Milde, Freude, Liebe und einfach einem guten Leben für alle.
Wir sind keine Opfer. Wir sind Gestalter:innen. Für eine bunte Gesellschaft, für eine glitzernde Wirtschaft, für einen gesunden Planeten.
WIR SIND DRAN!